BWL-MentorMichael Holtschneider

Themenfeld 05 von 06

Marketing und Vertrieb

Vom Markt zum Angebot: Marktforschung, Segmentierung und Positionierung, die vier Instrumente des Marketing-Mix, Produktlebenszyklus und Portfolio-Analyse — und was davon in der Klausur gerechnet wird.

Darum geht es

  • Marktforschung
  • Marketing-Mix
  • Preispolitik
  • Produktlebenszyklus
  • BCG-Portfolio

Marketing ist in der Klausur selten das Thema, bei dem es an Ideen fehlt — es ist das Thema, bei dem Begriffe durcheinandergehen. Vier Instrumente, drei Schritte der Marktbearbeitung, zwei Analysemodelle: wenn diese Ordnung steht, lassen sich auch offene Fallaufgaben sauber beantworten, statt in Meinung abzurutschen.

Vom Markt her denken — und was das praktisch heißt

Marketing ist die konsequente Ausrichtung des Betriebs am Markt. Der Satz klingt wie eine Floskel, hat aber eine prüfbare Folge: Die Entscheidung über das Produkt fällt nicht in der Entwicklung, sondern nach der Frage, welches Problem welcher Zielgruppe gelöst werden soll. Deshalb beginnt jedes Marketingkapitel mit der Analyse und nicht mit dem Angebot.

Die Reihenfolge ist immer dieselbe: Markt verstehen, Zielgruppe wählen, Position festlegen, Instrumente einsetzen. Wer diese vier Schritte in der Fallaufgabe sichtbar durchgeht, bekommt auch dann Punkte, wenn die inhaltliche Idee am Ende diskutabel ist — denn geprüft wird die Begründungskette, nicht der Geschmack.

Marktforschung: erst schauen, was es schon gibt

Sekundärforschung arbeitet mit vorhandenem Material: eigene Verkaufsstatistiken, Daten der Statistischen Ämter, Branchenberichte, Veröffentlichungen von Verbänden. Sie ist günstig, schnell und oft ausreichend. Erst wenn die Frage damit nicht zu beantworten ist, folgt Primärforschung mit eigenen Erhebungen: Befragung (schriftlich, telefonisch, online, persönlich), Beobachtung und Experiment, etwa ein Testmarkt oder ein Preistest. Für die Beurteilung einer Erhebung gelten drei Kriterien — Objektivität, Reliabilität (Zuverlässigkeit bei Wiederholung) und Validität (misst sie wirklich, was sie messen soll).

Definition

Marktsegmentierung

Aufteilung des Gesamtmarktes in in sich möglichst gleichartige, untereinander möglichst unterschiedliche Teilmärkte. Kriterien: geografisch (Region, Ortsgröße), demografisch (Alter, Geschlecht, Einkommen, Beruf), psychografisch (Lebensstil, Werte, Nutzenerwartung) und verhaltensbezogen (Kaufhäufigkeit, Markentreue, Preisverhalten). Ein Segment ist nur dann brauchbar, wenn es messbar, erreichbar, hinreichend groß und zeitlich stabil ist.

Die vier Instrumente — und dass sie zusammen wirken

Der Marketing-Mix besteht aus Produkt-, Preis-, Distributions- und Kommunikationspolitik (klassisch die vier P: Product, Price, Place, Promotion). Entscheidend ist nicht die Aufzählung, sondern die Abstimmung: Ein Premiumpreis verträgt keinen Vertrieb über den Discounter, und eine Billigpositionierung verträgt keine aufwendige Verpackung. In Klausuraufgaben steckt der Fehler fast immer in einem Instrument, das nicht zu den anderen passt.

  • Produktpolitik: Produktinnovation, -variation, -differenzierung und -eliminierung; Sortimentsbreite und -tiefe; Markenpolitik; Verpackung; Service und Garantie.
  • Preispolitik: Preisfindung (kostenorientiert, nachfrageorientiert, konkurrenzorientiert), Einführungsstrategien Skimming und Penetration, Rabatt- und Bonussysteme, Lieferungs- und Zahlungsbedingungen.
  • Distributionspolitik: direkter oder indirekter Vertriebsweg, Auswahl der Absatzmittler, Außendienst, Logistik und Lieferbereitschaft.
  • Kommunikationspolitik: Werbung, Verkaufsförderung, Öffentlichkeitsarbeit, Sponsoring, persönlicher Verkauf — klassisch strukturiert nach dem AIDA-Schema (Attention, Interest, Desire, Action).
Preiselastizität der Nachfrage

ε = prozentuale Mengenänderung ÷ prozentuale Preisänderung

  1. 01Ausgangslage: Preis 20 €, Absatz 1.000 Stück, Umsatz 20.000 €.
  2. 02Nach der Preissenkung: Preis 18 €, Absatz 1.200 Stück, Umsatz 21.600 €.
  3. 03Mengenänderung: (1.200 − 1.000) ÷ 1.000 = +20 %. Preisänderung: (18 − 20) ÷ 20 = −10 %.
  4. 04Elastizität: +20 % ÷ (−10 %) = −2. Der Betrag ist größer als 1 — die Nachfrage ist elastisch.
  5. 05Gegenprobe mit variablen Kosten von 12 € je Stück: Deckungsbeitrag vorher 8 € × 1.000 = 8.000 €, nachher 6 € × 1.200 = 7.200 €.

Der Umsatz steigt um 1.600 €, der Deckungsbeitrag sinkt um 800 €. Elastische Nachfrage ist ein Argument für die Preissenkung — hinreichend ist erst die Rechnung mit Deckungsbeiträgen.

Zwei Modelle, die fast immer geprüft werden

Der Produktlebenszyklus beschreibt den Umsatzverlauf eines Produkts über Einführung, Wachstum, Reife, Sättigung und Rückgang. Sein Nutzen liegt nicht in der Prognose — der Verlauf ist keine Naturkonstante —, sondern in der Zuordnung von Maßnahmen: In der Einführung dominiert Kommunikation, in der Reife die Preis- und Sortimentspflege, in der Sättigung die Entscheidung über Relaunch oder Eliminierung.

Die Portfolio-Analyse der Boston Consulting Group ordnet die Produkte eines Unternehmens in eine Matrix aus relativem Marktanteil (waagerecht) und Marktwachstum (senkrecht). Daraus ergeben sich vier Felder mit Normstrategien: Question Marks (selektiv investieren), Stars (investieren), Cash Cows (abschöpfen) und Poor Dogs (desinvestieren). Die Stärke des Modells ist die Portfoliosicht — kein Produkt wird für sich beurteilt, sondern im Verbund mit den anderen.

Ergänzend fragt die Ansoff-Matrix nach Wachstumsrichtungen: Marktdurchdringung (bestehendes Produkt, bestehender Markt), Marktentwicklung (bestehendes Produkt, neuer Markt), Produktentwicklung (neues Produkt, bestehender Markt) und Diversifikation (neu und neu) — mit steigendem Risiko in dieser Reihenfolge.

Woran Marketing in der Praxis scheitert — und wo es weitergeht

Die häufigste Ursache ist nicht ein falsches Instrument, sondern eine Preisentscheidung ohne Blick auf die Kosten. Was der Markt zahlt, ist eine Marketingfrage; was der Betrieb aushalten kann, steht in der Kosten- und Leistungsrechnung. Große Marketingmaßnahmen sind zudem Investitionen und gehören entsprechend gerechnet — die Verfahren dafür stehen in Investition und Finanzierung.

Vorsicht

Hier gehen in der Korrektur die Punkte verloren

Nicht die schweren Aufgaben kosten die meisten Punkte, sondern diese Verwechslungen.

Klausurfalle

  • Marketing ist nicht Werbung. Werbung ist ein Teil der Kommunikationspolitik, und die ist eines von vier Instrumenten. Wer in einer Aufgabe zum Marketing-Mix nur über Werbung schreibt, beantwortet ein Viertel der Frage.
  • Primärforschung erhebt neue Daten (Befragung, Beobachtung, Experiment), Sekundärforschung nutzt vorhandene (Statistiken, eigene Verkaufszahlen, Branchenberichte). Sekundär ist billiger und schneller und gehört deshalb zuerst geprüft — nicht zuletzt.
  • Die Preiselastizität der Nachfrage ist bei normalen Gütern negativ. Gefragt wird nach dem Betrag: ist er größer als 1, reagiert die Nachfrage elastisch, eine Preissenkung erhöht dann den Umsatz.
  • Im BCG-Portfolio ist die waagerechte Achse der relative Marktanteil (zum stärksten Wettbewerber), die senkrechte das Marktwachstum. Wer die Achsen vertauscht, bekommt für jedes Produkt die falsche Normstrategie.
  • Penetrationsstrategie heißt niedriger Einführungspreis für schnelle Marktdurchdringung, Skimming heißt hoher Einführungspreis zum Abschöpfen der Zahlungsbereitschaft. Die Begriffe werden fast immer in der Aufgabe verlangt, nicht ihre Beschreibung.

Selbsttest

Kannst du das?

Beantworte die Frage erst für dich, dann klapp die Antwort auf. Wer nur liest, überschätzt sich zuverlässig.

Prüffragen zu diesem Themenfeld

  • 01Nenne die vier Instrumente des Marketing-Mix mit je zwei Entscheidungen, die dazugehören.

    Produktpolitik: Sortimentsbreite, Qualität, Verpackung, Marke, Service. Preispolitik: Preishöhe, Rabatte, Zahlungs- und Lieferbedingungen. Distributionspolitik: Vertriebswege (direkt oder über den Handel), Logistik, Standort. Kommunikationspolitik: Werbung, Verkaufsförderung, Öffentlichkeitsarbeit, persönlicher Verkauf.

  • 02Ein Anbieter senkt den Preis von 20 € auf 18 €, die Absatzmenge steigt von 1.000 auf 1.200 Stück. Wie hoch ist die Preiselastizität, und was folgt daraus?

    Mengenänderung +20 %, Preisänderung −10 %, Elastizität = 20 % / (−10 %) = −2. Der Betrag ist größer als 1, die Nachfrage reagiert also elastisch. Folge: Der Umsatz steigt von 20.000 € auf 21.600 €. Ob das vorteilhaft ist, entscheidet aber der Deckungsbeitrag, nicht der Umsatz.

  • 03Was unterscheidet Marktsegmentierung von Positionierung?

    Segmentierung teilt den Gesamtmarkt in Gruppen mit ähnlichem Verhalten (nach demografischen, geografischen, psychografischen oder verhaltensbezogenen Kriterien) und wählt daraus die Zielgruppe aus. Positionierung legt fest, welchen Platz das Angebot in der Wahrnehmung dieser Zielgruppe einnehmen soll — gemessen an den Eigenschaften, die für den Kauf entscheidend sind.

  • 04Ordne die vier Felder des BCG-Portfolios den Normstrategien zu.

    Question Marks (hohes Wachstum, niedriger Marktanteil): selektiv investieren oder aufgeben. Stars (hohes Wachstum, hoher Marktanteil): investieren. Cash Cows (niedriges Wachstum, hoher Marktanteil): abschöpfen und die Erträge anderswo einsetzen. Poor Dogs (niedriges Wachstum, niedriger Marktanteil): desinvestieren.

  • 05Welche Phasen hat der Produktlebenszyklus, und wo liegt der Gewinnhöchstpunkt?

    Einführung, Wachstum, Reife, Sättigung, Degeneration (Rückgang). Der Umsatzhöchstpunkt liegt am Ende der Sättigungsphase, der Gewinnhöchstpunkt dagegen schon in der Reifephase — danach steigen die Marketingaufwendungen und die Preise geraten durch Wettbewerber unter Druck.

Noch eine Frage zu diesem Themenfeld?

Schreib mir, welche Stelle nicht sitzt — unklare Abschnitte sind der nützlichste Hinweis, den ich bekommen kann.