BWL-MentorMichael Holtschneider

Themenfeld 04 von 06

Investition und Finanzierung

Zwei Seiten derselben Münze: wohin das Geld fließt (Investition) und woher es kommt (Finanzierung). Statische und dynamische Verfahren, Kapitalwert mit Rechenweg, Eigen- gegen Fremdkapital und der Leverage-Effekt.

Darum geht es

  • Kapitalwertmethode
  • Amortisationsrechnung
  • Innenfinanzierung
  • Leverage-Effekt
  • Leasing

Investition und Finanzierung sind zwei Seiten derselben Bilanz: links die Verwendung des Geldes, rechts die Herkunft. Der schwierigste Teil ist nicht die Formel, sondern die Unterscheidung von Zahlung und Erfolg — wer Abschreibungen in eine Zahlungsreihe schreibt, rechnet mit richtiger Formel ein falsches Ergebnis.

Investition: dieselbe Frage in zwei Zeitwelten

Eine Investition bindet heute Geld, um in Zukunft Rückflüsse zu erhalten. Die ganze Investitionsrechnung versucht zu beantworten, ob dieser Tausch sich lohnt — und sie tut das in zwei Familien von Verfahren, die sich in einem Punkt unterscheiden: ob der Zeitpunkt einer Zahlung berücksichtigt wird oder nicht.

Statische Verfahren rechnen mit Durchschnitten einer Periode. Sie sind schnell, verständlich und für überschaubare Entscheidungen völlig ausreichend: Kostenvergleich (welche von zwei Maschinen ist billiger?), Gewinnvergleich, Rentabilitätsvergleich (Gewinn bezogen auf das durchschnittlich gebundene Kapital) und Amortisationsrechnung (nach wie vielen Jahren ist das Geld zurück?). Ihr blinder Fleck ist die Zeit: 10.000 Euro im nächsten Jahr sind für sie so wertvoll wie 10.000 Euro in acht Jahren.

Definition

Kapitalwert (Net Present Value)

Summe aller auf den Entscheidungszeitpunkt abgezinsten Ein- und Auszahlungen einer Investition, vermindert um die Anschaffungsauszahlung. Ist der Kapitalwert positiv, erwirtschaftet die Investition mehr als die geforderte Mindestverzinsung (den Kalkulationszinssatz) und ist vorteilhaft. Ist er null, erbringt sie genau diese Verzinsung. Ist er negativ, bleibt sie darunter.
Kapitalwert einer Investition mit gleichbleibenden Rückflüssen

C₀ = −I₀ + Rückfluss × RBF(i; n), RBF = (1 − (1 + i)^−n) ÷ i

  1. 01Gegeben: Anschaffungsauszahlung I₀ = 100.000 €, jährlicher Überschuss 30.000 €, Nutzungsdauer 5 Jahre, Kalkulationszins 8 %, kein Restwert.
  2. 02Aufzinsungsfaktor: 1,08^5 = 1,46933. Abzinsungsfaktor: 1 ÷ 1,46933 = 0,68058.
  3. 03Rentenbarwertfaktor: (1 − 0,68058) ÷ 0,08 = 0,31942 ÷ 0,08 = 3,9927.
  4. 04Barwert der Rückflüsse: 30.000 € × 3,9927 = 119.781 €.
  5. 05Kapitalwert: 119.781 € − 100.000 € = 19.781 €.

Kapitalwert +19.781 € — die Investition verzinst das eingesetzte Kapital über die geforderten 8 % hinaus und ist damit vorteilhaft.

Zwei weitere dynamische Verfahren bauen auf derselben Logik auf. Die interne Zinsfußmethode sucht den Zinssatz, bei dem der Kapitalwert genau null wird — im Beispiel liegt er bei rund 15 Prozent. Die Annuitätenmethode verteilt den Kapitalwert gleichmässig auf die Jahre und macht Investitionen mit unterschiedlicher Nutzungsdauer vergleichbar. Für die Klausur gilt: Der Kapitalwert ist das Standardverfahren, der interne Zinsfuß ist die Antwort auf „ab welchem Zins kippt die Entscheidung?“.

Finanzierung: vier Felder, eine Matrix

Finanzierungsformen werden nach zwei Kriterien geordnet — Herkunft der Mittel (innen oder aussen) und Rechtsstellung des Kapitalgebers (Eigen- oder Fremdkapital). Daraus ergibt sich eine Matrix, die man einmal aufschreiben und danach immer abrufen kann.

Finanzierungsarten nach Herkunft und Rechtsstellung
EigenkapitalFremdkapital
AußenfinanzierungEinlagen der Eigentümer, Beteiligungen, Aktienemission, BeteiligungskapitalBankdarlehen, Anleihe, Lieferantenkredit, Kontokorrentkredit, Leasing
InnenfinanzierungSelbstfinanzierung aus einbehaltenen Gewinnen, VermögensumschichtungFinanzierung aus Rückstellungen (vor allem Pensionsrückstellungen)

Die Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten ist der Posten, der am häufigsten falsch eingeordnet wird: Die Abschreibung ist Aufwand, der über die Umsatzerlöse zurückfließt, ohne dass eine Auszahlung gegenübersteht — das freigesetzte Geld steht dem Betrieb zur Verfügung, bis die Ersatzbeschaffung fällig wird. Sie gehört zur Innenfinanzierung und ist ein Finanzierungseffekt, keine Kapitalquelle aus dem Nichts.

Leverage-Effekt: wie Fremdkapital die Eigenkapitalrendite hebt

rEK = rGK + (rGK − i) × FK ÷ EK

  1. 01Gegeben: Gesamtkapitalrendite rGK = 12 %, Fremdkapitalzins i = 6 %.
  2. 02Fall 1 — ohne Fremdkapital: EK 500.000 €, FK 0 €. rEK = 12 % + (12 % − 6 %) × 0 = 12 %.
  3. 03Fall 2 — zur Hälfte fremdfinanziert: EK 250.000 €, FK 250.000 €. rEK = 12 % + 6 % × 1 = 18 %.
  4. 04Fall 3 — Geschäft läuft schlechter, rGK fällt auf 4 %, Verschuldung bleibt 1:1. rEK = 4 % + (4 % − 6 %) × 1 = 2 %.

Dasselbe Verschuldungsverhältnis bringt 18 % im guten und 2 % im schlechten Jahr. Der Leverage-Effekt ist ein Hebel, kein Geschenk — er vergrößert das Risiko in genau demselben Maß.

Woran man eine solide Finanzierung erkennt

Für die Beurteilung reichen drei Kennzahlen, und alle drei kommen aus der Bilanz, die in Buchführung und Bilanzierung aufgebaut wird. Die Eigenkapitalquote (Eigenkapital ÷ Gesamtkapital) zeigt die Fähigkeit, Verluste zu tragen. Der Anlagendeckungsgrad prüft die goldene Bilanzregel: langfristiges Vermögen soll langfristig finanziert sein. Der Liquiditätsgrad vergleicht kurzfristig verfügbare Mittel mit kurzfristigen Verbindlichkeiten. Keine dieser Zahlen hat einen allgemein richtigen Wert — vergleichbar sind sie nur innerhalb einer Branche und über die Zeit.

Welche Investition überhaupt gebraucht wird, entscheidet oft der Markt: Kapazitätsentscheidungen hängen an Absatzprognosen aus Marketing und Vertrieb, und die laufenden Kosteneinsparungen einer Maschine rechnet man mit den Begriffen der Kosten- und Leistungsrechnung.

Vorsicht

Hier gehen in der Korrektur die Punkte verloren

Nicht die schweren Aufgaben kosten die meisten Punkte, sondern diese Verwechslungen.

Klausurfalle

  • Abschreibungen sind in der Investitionsrechnung keine Auszahlung. Sie wurden mit der Anschaffung bereits bezahlt; wer sie in die laufenden Zahlungen aufnimmt, zählt sie doppelt.
  • Die statische Amortisationsrechnung ignoriert alles, was nach dem Wiedergewinnungszeitpunkt passiert. Eine Investition mit kurzer Amortisation kann trotzdem die schlechtere sein.
  • Beim Kapitalwert ist das Vorzeichen die Antwort: Kapitalwert größer null heißt vorteilhaft — die Investition verzinst sich höher als der Kalkulationszinssatz. Ein Kapitalwert von null heißt nicht „kein Gewinn“, sondern „genau die geforderte Verzinsung“.
  • Der Leverage-Effekt wirkt in beide Richtungen. Solange die Gesamtkapitalrendite über dem Fremdkapitalzins liegt, hebt zusätzliches Fremdkapital die Eigenkapitalrendite; liegt sie darunter, drückt es sie genauso schnell.
  • Innenfinanzierung ist nicht „kostenlos“. Einbehaltene Gewinne sind Eigenkapital, auf das die Eigentümer eine Rendite erwarten — die Opportunitätskosten sind nur nicht als Zinsaufwand sichtbar.
  • Leasing verschiebt die Zahlungen, es macht sie nicht kleiner. Der Vergleich gehört auf Barwertbasis gerechnet, nicht als Summe der Raten gegen den Kaufpreis.

Selbsttest

Kannst du das?

Beantworte die Frage erst für dich, dann klapp die Antwort auf. Wer nur liest, überschätzt sich zuverlässig.

Prüffragen zu diesem Themenfeld

  • 01Nenne die vier statischen Verfahren der Investitionsrechnung und ihren gemeinsamen Schwachpunkt.

    Kostenvergleichs-, Gewinnvergleichs-, Rentabilitäts- und Amortisationsrechnung. Alle vier arbeiten mit Durchschnittswerten einer Periode und berücksichtigen nicht, wann eine Zahlung anfällt — Geld heute und Geld in fünf Jahren wird gleich bewertet. Genau das korrigieren die dynamischen Verfahren durch Abzinsung.

  • 02Eine Investition kostet 100.000 €, bringt fünf Jahre je 30.000 € Rückfluss, Kalkulationszins 8 %. Wie hoch ist der Kapitalwert?

    Der Rentenbarwertfaktor für 8 % und 5 Jahre beträgt 3,9927. Barwert der Rückflüsse: 30.000 € × 3,9927 = 119.781 €. Kapitalwert: 119.781 € − 100.000 € = 19.781 €. Positiv, also ist die Investition bei 8 % Mindestverzinsung vorteilhaft.

  • 03Was ist der Unterschied zwischen Innen- und Außenfinanzierung? Nenne je zwei Beispiele.

    Innenfinanzierung erzeugt Mittel aus dem Betrieb selbst: einbehaltene Gewinne (Selbstfinanzierung) und Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten sowie aus Rückstellungen oder Vermögensumschichtung. Außenfinanzierung führt Mittel von aussen zu: Einlagen oder Beteiligungen (Eigenfinanzierung) und Bankdarlehen, Lieferantenkredit, Anleihen (Fremdfinanzierung).

  • 04Eine Gesamtkapitalrendite von 12 % trifft auf einen Fremdkapitalzins von 6 %. Was passiert mit der Eigenkapitalrendite, wenn Fremdkapital aufgenommen wird?

    Sie steigt. Das Unternehmen erwirtschaftet mit dem geliehenen Geld 12 % und zahlt dafür 6 %; die Differenz von 6 Prozentpunkten bleibt beim Eigenkapital. Das ist der Leverage-Effekt. Fällt die Gesamtkapitalrendite unter 6 %, kehrt sich der Effekt um und die Eigenkapitalrendite sinkt schneller als die Gesamtrendite.

  • 05Warum ist ein Lieferantenkredit mit Zahlungsbedingung „2 % Skonto bei 10 Tagen, Ziel 30 Tage“ teuer?

    Wer das Skonto verfällt lässt, bezahlt 2 % für 20 Tage zusätzlichen Zahlungsaufschub. Überschlägig entspricht das einem Jahreszins von etwa 2 % × 360 / 20 = 36 %. Der Lieferantenkredit ist damit eine der teuersten Finanzierungsformen — Skonto zu ziehen ist fast immer günstiger, notfalls über den Kontokorrentkredit.

Noch eine Frage zu diesem Themenfeld?

Schreib mir, welche Stelle nicht sitzt — unklare Abschnitte sind der nützlichste Hinweis, den ich bekommen kann.